Bökendorf (red). Die Freilichtbühne Bökendorf e. V. setzt im Theatersommer 2026 auf zwei Produktionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und gerade darin ihre besondere Stärke entfalten. Mit „Shrek – Das Musical“ steht ein farbenfrohes, humorvolles Familienstück auf dem Spielplan, das klassische Märchenmuster hinterfragt. „Der große Gatsby“ hingegen führt in die schillernde Welt der 1920er-Jahre und erzählt von Sehnsucht, gesellschaftlichem Aufstieg und der Zerbrechlichkeit großer Träume.
Beide Inszenierungen eint der Blick hinter die Oberfläche: Im Zentrum stehen Fragen nach Identität, Selbstbild und der Suche nach einem erfüllten Leben – Themen, die weit über ihre jeweiligen Stoffe hinausreichen.
Märchen trifft Selbstfindung
Mit „Shrek – Das Musical“ bringt die Freilichtbühne ein ebenso unterhaltsames wie vielschichtiges Familienstück auf die Bühne. Basierend auf dem gleichnamigen Animationsfilm erzählt die Inszenierung die Geschichte des Ogers Shrek, der zurückgezogen in seinem Sumpf lebt und den Kontakt zur Außenwelt meidet.
Als sein Zuhause von verbannten Märchenfiguren überrannt wird, sieht er sich gezwungen, seine Komfortzone zu verlassen. Gemeinsam mit einem ebenso redseligen wie treuen Esel begibt er sich auf eine Reise, um Prinzessin Fiona aus einem Turm zu befreien.
Was zunächst wie ein klassisches Märchen erscheint, entwickelt sich zu einer Erzählung über Vorurteile, Selbstzweifel und Identität. Die Inszenierung spielt mit vertrauten Motiven, bricht sie jedoch bewusst auf und hinterfragt gängige Vorstellungen von Schönheit, Heldentum und „Happy End“.
Im Mittelpunkt steht ein Protagonist, der nicht den üblichen Heldenbildern entspricht. Gerade darin liegt die Stärke des Stücks: Shrek wird nicht trotz seiner Andersartigkeit zum Helden, sondern gerade durch sie. Humorvolle Dialoge, eingängige Songs und choreografische Elemente verbinden sich mit einer klaren Botschaft über Mut, Freundschaft und Selbstakzeptanz.
Zugleich ist die Produktion ein Gemeinschaftsprojekt: Zahlreiche Mitwirkende aus unterschiedlichen Altersgruppen gestalten Bühnenbild, Kostüme und Musik. So entsteht ein generationsübergreifendes Projekt, das den Gedanken von Vielfalt und Zusammenhalt auch hinter den Kulissen widerspiegelt.
Neue Impulse auf und hinter der Bühne
Erstmals übernimmt Andreana Clemenz die Regie auf der Freilichtbühne. Die erfahrene Regisseurin sieht im Musical weit mehr als eine humorvolle Märchenadaption:
„Das Musical ist ein buntes, energiegeladenes Fest voller Humor, Musik und Herz. Hinter all den witzigen Figuren steckt eine berührende Botschaft über Freundschaft, Mut und Selbstakzeptanz. Shrek – Das Musical träumt nicht von Perfektion – es feiert das Unperfekte. Es erinnert uns daran, dass das größte Märchen im echten Leben spielt: dann, wenn wir den Mut haben, einfach wir selbst zu sein.“
Clemenz legt besonderen Wert auf die Entwicklung der Figuren und das Zusammenspiel der Charaktere. Neben dem humorvollen Ton sollen auch die leisen, emotionalen Momente Raum erhalten.
Auch musikalisch setzt die Produktion neue Akzente: Mit Marin Subasic steht erstmals ein international erfahrener Produzent und musikalischer Leiter am Pult.
„Ich freue mich sehr darauf, 2026 als musikalischer Leiter Shrek – Das Musical auf die Beine zu stellen. Wir arbeiten mit einem großen Team von Jung bis Alt – gemeinsam die Musik zu erarbeiten, wird etwas ganz Besonderes. Wenn wir es schaffen, das Publikum mit einem Lächeln nach Hause zu schicken, haben wir alles richtig gemacht.“
Für die choreografische Umsetzung ist erneut Linda Geers verantwortlich:
„Bei Shrek – Das Musical trifft schräger Humor auf echte Emotion – das tänzerisch umzusetzen, ist eine wunderbare Herausforderung, auf die ich mich riesig freue.“
Gemeinsam entwickelt das Kreativteam eine Inszenierung, die Unterhaltung und inhaltliche Tiefe miteinander verbindet.
Glanz, Illusion und Abgründe der 1920er-Jahre
Mit „Der große Gatsby“ bringt die Freilichtbühne einen Klassiker der amerikanischen Literatur auf die Bühne. F. Scott Fitzgeralds Roman aus 1925 gilt als präzises Porträt einer Epoche zwischen Aufbruch und moralischer Unsicherheit.
Im Zentrum steht Jay Gatsby, ein geheimnisvoller Gastgeber rauschender Feste, der seinen Reichtum einzig dem Ziel unterordnet, die verlorene Liebe seiner Jugend zurückzugewinnen: Daisy Buchanan. Diese lebt inzwischen mit ihrem Ehemann Tom in einer privilegierten Welt, geprägt von Wohlstand und gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit.
Während Gatsby an die Wiederholbarkeit der Vergangenheit glaubt, steht Daisy zwischen Sehnsucht und Sicherheit. Tom wiederum verkörpert eine Oberschicht, die ihre Macht kaum hinterfragt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Nick Carraway, der als Beobachter zunehmend Teil des Geschehens wird.
Zwischen glanzvollen Festen und stillen Begegnungen entfaltet sich ein Geflecht aus Hoffnung, Eifersucht und Selbsttäuschung. Die Inszenierung zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die zwischen äußerem Glanz und innerer Leere schwankt.
Zeitloser Stoff mit modernem Blick
Regisseur Stephan Rumphorst versteht „Der große Gatsby“ als zeitübergreifende Erzählung.
„Rauschende Partys, Träume, Sehnsucht, der Wunsch, glücklich zu sein, das Aufbrechen starrer Konventionen und das Ablegen gesellschaftlicher Zwänge, um selbstbestimmt leben zu können – fernab von Herkunft und Geschlecht – all das sind Themen, die dem Stück innewohnen. Typisch 20er-Jahre-Amerika? Oder sind das Themen, die sich durch alle Jahrzehnte und alle Länder ziehen?“
Die Inszenierung bleibt zwar in den „Roaring Twenties“ verortet, setzt jedoch bewusst moderne Akzente. Anachronismen wie Smartphones oder aktuelle musikalische Zitate schlagen eine Brücke zur Gegenwart.
Für die musikalische Gestaltung entsteht eigens produzierte Musik in Zusammenarbeit mit dem Palais Tanzorchester aus Detmold. Moderne Titel werden in die Klangwelt der 1920er-Jahre übertragen – von Swing bis Charleston.
Fließende Szenenwechsel und ein dynamischer Ablauf prägen die Inszenierung. Dabei rückt sie nicht nur die schillernde Oberfläche der Epoche in den Fokus, sondern auch ihre Brüche und Widersprüche. Der Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg erscheint als fragiles Versprechen zwischen Hoffnung und Illusion.
So entsteht eine Produktion, die nicht nur eine vergangene Zeit erzählt, sondern Fragen stellt, die bis in die Gegenwart reichen.



Fotos: Jonas Fromme